Dem Herrn Paulsen sein Kiosk
Samstag, 20. Mai 2006
Herr Paulsen hört Musik: Neues aus Barcelona

Am Plaça de Catalunya, unweit des imposanten Cafe Zurich und den Ramblas steht das „Fnac“, eine Art Media Markt in Hübsch. Fnac besuche ich immer zuerst wenn ich mal nach Barcelona komme, Stunden kann ich dort in der "musica nacional"-Abteilung verbringen und auch diesmal hab ich ein paar schöne Platten mitgebracht.

Die Spanier sind Meister der Fusion verschiedenster Musikstile, hier verschmelzen Reggae, Latin, Ska, Elektro, Hip Hop und Punk mit traditioneller Musik aus Spanien, Afrika, Indien und dem Orient. Barcelona ist die Metropole dieser spannenden, neuen „Weltmusik“, gänzlich befreit von jedem Holzketten-Ursel-Müsli-Klischee entstehen hier Tracks für die Clubs, den Strand, das Leben, den Sommer. Letzterer kommt sicher, hier eine Auswahl der neusten musikalischen Begleiter aus Barcelona:

BARCELONA RAVAL SESSIONS I & II

Die beiden dicken Doppelalben der Barcelona Raval Sessions sind der wohl ausführlichste, musikalische Stadtplan den man sich wünschen kann, die ideale Einstiegsdroge. Auf den beiden Samplern sind insgesamt 68 Bands vorgestellt, das who is who der neuen, katalanischen Musik. Eben ist die zweite Ausgabe erschienen, lohnend sind beide Alben, da ist wirklich für jeden was dabei, selbst House-Einflüsse und Dancefloor-Tunes haben ihre Berechtigung zwischen Mestizo-Funk, Rumba, Surfpunk, Klezmer-Musik und Oriental-Pop. Dazu viel kraftvoller Hip Hop, dicke Reggae-Schlepper und fliegenden Ska-Nummern. Groß!

MUCHACHITO BOMBO INFIERNO: VAMOS QUE NOS VAMOS

"Vergesst alles, was in der letzten Zeit aus Barcelona kam – Muchachito Bombo Infierno werden über uns hinweg rasen wie ein Orkan.“ , sagt Anna-Bianca Krause vom RBB Multikulti und dem WDR Funkhaus Europa. Da hat sie wohl Recht. Auch bei dieser Band steht Fusion im Vordergrund, allerdings spielen sich Muchachito Bombo Infierno überwiegend Sortenrein durchs Sortiment. Der Opener „El Compadre“ ist eine lupenreine Funk-Nummer, die an die alten Blaxploitation-Filme der 70er erinnert, inklusive Polizeisierenen, nach einer Minute mündet das ganze in eine wunderbare Swingnummer mit den dicken Bläsern die ich so liebe, dazu die Reibeisenstimme Jairo Perera Viedma alias Muchachito, der den roten Faden durchs Album liefert und alles zusammen hält. Und der abgedroschene Begriff Reibeisenstimme hat hier durchaus seine Berechtigung. „ Me tienes frito“, gleich noch eine perfekte Schwingnummer, bevor es dann munter durch sämtliche, oben genannten Musikstile geht, inklusive geklampftem Reggae. Umwerfend ist die Schlussnummer, eine Huldigung an Quentin Tarantino, „Paguito Tarantino“, Surfpunk mit flirrenden Westerngitarren. Nochmal das Funkhaus Europa, diesmal Francis Gay: "Die beste Nachricht aus Spanien seit der Abwahl von José Maria Aznar." Extrapunkte gibt’s für das wunderschöne Booklet und die ebenfalls kunstvoll gestaltete Internetseite:

www.muchachitobomboinfierno.com

GO LEM SYSTEM: CACERIA

Nun ist ja das Leben nicht immer nur Disko und Pommes, man muss ja auch mal schön chillen, auf Balkonien. Zumindest Reggaeheads und Skastern dürfte das Golem System da eine Hilfe sein. Die gebürtigen Argentinier leben seit 2001 in Barcelona und weben auf ihrem vierten Album (dem zweiten aus Barcelona) feinste Reggae-Tunes und elegante Ska-Nummern angerichtet mit vereinzelten Dub-Elementen. Ein wunderbare Mischung, Roots und Moderne wie geschmiert. Die sechs Mann starke Truppe spielen ohne Schlagzeug, das ist hier eher ein Gewinn, wenn erdige Musik sich über akuraten Beats aus der Box ausbreitet.

www.golemsystem.com

MACACO: INGRAVITTO

Der wohl „poppigste“ Vertreter, der hier vorgestellten Bands ist Macaco und er macht höllisch Spaß! Hip-Hop-Latino, ordentliche Scratches, fette, brasilianische Drums, Prise Electro, aber auch schmachtende Liebeslieder, vorgetragen mit der näselnden Stimme eines Manu Chao. Insgesamt erinnert die Platte in ihrer Sommerseligkeit an den guten, alten Jovanotti und das ist hier durchaus als Kompliment zu verstehen. Mit vielen Gastspielen, u.a. geben sich die oben vorgestellten Muchachito Bombo Infierno die Ehre.

www.imaginalia.org

LA KINKY BEAT: ONE MORE TIME

La Kinky Beat sind zurück. Schon im letzten Jahr in diesem Blog ausdrücklich empfohlen, ist auch das neue Album entzückend. Wenn man Ska und Punkrock mag. Das sind nämlich die zwei Hauptzutaten, der wilde Stilmix des ersten Albums ist hier aufgelöst, es gibt einfach ordentlich auf die Zwölf. Das „Flagschiff des Mestizo Rock“ schwimmt in 80er Jahre Gewässern und die Stimme der Sängerin Matahary erinnert zudem oft stark an die große Pauline Black von „The Selecter“. So ist „One more time“ eher eine Reise back in time. Für den ders mag ists riesig.

www.lakinkybeat.com

So, das reicht eigentlich schon für einen Deutschen Sommer. Wenn er denn mal endlich kommt.