Dem Herrn Paulsen sein Kiosk
Montag, 3. August 2009
Wacken 2009-überlebt!

Hui. Das war dann doch wesentlich schlimmer als ich dachte. Ich dachte: ich höre ja nicht immer nur Reggae, ich mag heftige Gitarren, liebe den Punk, in den Neunziger hörte viel Hardcore und Grunge, ich mag Metallica, ich verehre Motörhead. Nichts davon konnte mich auf das vorbereiten, was mich in Wacken erwartete.

Metal, so musste ich auf den matschschwarzen Wiesen von Wacken erfahren, bedeutet, grob vereinfacht, die völlige Abwesenheit von Melodie und Songstruktur zugunsten sich ständig wiederholender Zwei-Drei-Tonfolgen in ohrenzerstäubender Lautstärke. Das wird dann auf den gigantischen Bühnen wahlweise von jungen Menschen dargeboten, die über fliehende Drumloops und flirrende Gitarrenläufe unverständlich gutturales Gebrüll von sich geben. In der etwas melodischeren Variante singen in die Jahre gekommene Herren arienhaft mit entrückter Falsettstimme von der drohenden Apokalypse. Es liegt mir fern, mich über irgendeinen Musikstil zu erheben, ich liebe Musik, aber nach zwei Tagen Metal-Dauerbeschallung aus gigantischem Boxentürmen geriet ich tatsächlich erstmals an den äußersten Rand meiner Toleranzgrenze.

Mein (vorübergehendes) Ungemach mag auch dem schmierig-tiefschwarzen Matsch geschuldet sein, der trotz sonnigstem Wetter das gesamte Gelände mit einem beißend sauren Geruch überzog. Mein Begleiter, ein Tiefbau-Ingenieur, erklärte mir auch was genau da so riecht: das Festivalgelände liegt in einer Senke, deren lehmiger Boden Wasser nur schlecht bis gar nicht aufnimmt. Darum matscht es hier, auch ohne viel Regen, bereits durch die Taunässe der Nacht. In und um Wacken wird zudem Landwirtschaft betrieben, da wird auch gedüngt, auch mit Jauche. Wenn dann 75.000 Menschen einmal über die Wiese laufen, ist die Wiese wie gepflügt und die ungebundene Gülle (Kuhscheisse) mischt sich mit dem Schlamm der dadurch zum Himmel stinkt. Warum die Veranstalter nicht zumindest vor den Ess-Ständen mit kostengünstigen und leicht transportablen Holzchips für Abhilfe sorgten, entzog sich der Kenntnis meines klugen Begleiters. Über Musikgeschmäcker lässt sich streiten, der Boden aber war, besonders vor den Ess-Ständen, hygienisch mehr als bedenklich und olfaktorisch auf dem gesamten Gelände eine Zumutung.


Freundliche Krankenschwestern werden umsichtig weitergereicht um den rettenden Schweinegrippe-Impfstoff auch in die vorderen Reihen zu bringen.

Trotz der ungünstigen Verhältnisse gelang uns dann doch eine anständige Party, schließlich schien die Sonne und es gab Bier, das ist ja oft die halbe Miete. Und es fanden sich unter den 80 Konzerten einzelne Perlen, die auch mein Herz erfreuten. Freitagabend spielte der große Ian „Lemmy“ Kilmister mit Motörhead zum Tanz auf. Diesem Mann bringe ich größten Respekt entgegen, für seine Arbeit, seine Songs, fürs Überleben. Mit großer Würde und ungebrochener Energie brachten die Herren ein Live-Konzert der Sonderklasse.

Und Motörhead erinnern in ihrer, smart gespielten, brachialen Rohheit, immer wieder an die Wurzeln, hier und da ist der Blues zu hören, der gute alte Rock´n Roll spielt ein Riff. Lemmy röhrt inbrünstig, Phil Campell kniddelt ein wunderbar verschnörkeltes old school-Gitarrensolo dahin und Mikkey Dee beweist im Drumsolo erneut, dass er zu den besten Schlagzeugern der Welt gehört. Verbeugung!

Den Samstag verbrachten wir zunächst mit einem ausgedehnten Spaziergang durch eine fremde Welt. Die Welt der Metalheads ist ein bisschen wie ein unaufgeräumtes Teenagerzimmer: Phantasie-Comics, Ritterschwerter und Drachen, Piratenflaggen, Nietengürtel und die nordische Sagenwelt fliegen durch den Raum. Für die Größeren gibt’s Lack, Leder und Latex und für die ganze Familie einen Mittelaltermarkt. Auch hier gibt es für den unbeschlagenen Festivalbesucher viel zu staunen. Rollenspiel-Freunde hauen sich, als Ritter verkleidet, mit Schmackes riesige Schwerter um die Ohren, dazwischen hüpfen halbnackte, grün geschminkte Elfen mit Spitzohren durch historische Nachbauten. Allerlein Tand ist zu erwerben, eine Dame empfahl mir ein keltisches Zeichen als Halsschmuck, es sei, so die Verkäuferin „älter wie der Christentum“. Auch konnte man sich für kleines Geld foltern lassen. Glauben Sie nicht? Bitte, ich habe Sie gewarnt:

Der frühe Abend lockte dann wieder mit einem Bandnamen den ich zumindest schon mal gehört hatte. Zunächst galt es aber das Konzert einer Deutschen Band namens Heaven Shall Burn zu überstehen. Heftig! Supersympathische Jungs mit ordentlichen Frisuren in gebügelten roten Kraftwerk-Hemden. Bis die zu spielen anfangen. Das Publikum zeigte sich euphorisch, wie gesagt, ich hab keine Ahnung.

Zum nächsten Konzert bin ich eigentlich bloß wegen des lustigen Namens gegangen: Axel Rudi Pell. Ich habe gelernt: Axel Rudi Pell ist ein vom Publikum leidenschaftlich verehrter deutscher Metal-Gitarrist dessen gleichnamige Band musikalisch irgendwo zwischen Bon Jovi und Iron Maiden liegt, mit Hang zum ganz großen, hymnischen Stadionrock. Nach zwei Tagen Death- und Speedmetal geradezu wohltuend.

Dann kam die Band deren Namen ich schon mal gehört habe: In Extremo. Die waren wohl mal beim Stefan Raab Songcontest und spielen, beinahe in Fußballmannschaftsstärke, irgendwas zwischen Tote Hosen und Rammstein, angereichert mit mittelalterlichen Musikinstrumenten (Sackpfeife, Schalmei, Laute) und Texten von toten Dichtern wie Goethe und Uhland. Klingt schrecklich? Mitnichten! Sehr sympathische Band, dicke Sounds, ordentlich Gehopse, das ging mächtig nach vorn und hat viel Spaß gemacht, wunderbar!

Bevor der Abend dann für uns mit einem Konzert der Altmeister von Saxon ausklang, zu dem ich mich jetzt mal nicht äußern möchte, gabs auf der Beergardenstage noch mal ordentlich auf die Mütze von uns aller Mambo Kurt!

Der gab wieder die schönsten Hits von Depeche Mode bis Metallica auf der Heimorgel zum Besten, unterstützt von reizenden Tanzdamen, stürmisch gefeiert von zweihundert Metalheads. Metaler sind übrigens, extrem freundliche, friedliche und zugängliche Menschen, ausgerechnet bei Mambo Kurt drohte kurz Ungemach, als ein sehr junger Ordner tatkräftig versuchte das Crowdsurfing zu unterbinden. Unschönen Drohgebärden folgte dann aber doch schnell Schulterklopfen und Handschlag.

Insgesamt ein eindrückliches Erlebnis, ich bin froh, dass ich da war. Wer den Wacken-Film „Full Metal Village“ der koreanischen Regisseurin Cho Sung-hyung gesehen hat und mit diesen Bildern im Kopf anreist, wird eventuell enttäuscht sein. Der zwischen 2005-2006 entstandene Film zeichnete auf rührende Weise ein Bild des Miteinanders von Metalheads und Dorfbewohnern, erzählte wunderbar klug und mit leiser Komik die Geschichten einzelner Bürger. Hier ein Trailer:

Nach wie vor ist das Miteinander von großer Toleranz geprägt, tatsächlich steht ein ganzes Dorf Kopf und mit ungezählten Verkaufsständen bereit um wenigsten ein bisschen Geld mit zu verdienen, an Schlaf ist nicht zu denken. Dass aber jene Bürger das Festival aus dem Dorf heraus organisieren, und (wie im Film gezeigt) am Sonntag mit Mülltüten bewaffnet gemeinsam die Wiesen säubern, darf mittlerweile als rührender Kitsch betrachtet werden. W:O:A ist hartes Business, eine international operierendes Großunternehmen mit Gewinnabsicht und inzwischen vier Festivalveranstaltungen in ganz Deutschland. Nächstes Jahr wird es das erste „Wacken“ in Sao Paulo, Brasilien geben.

Links:

www.wacken.com
www.imotorhead.com
www.heavenshallburn.com
www.axel-rudi-pell.de
www.inextremo.de
www.mambo-kurt.de
www.zorrofilm.de