Dem Herrn Paulsen sein Kiosk
Samstag, 23. Dezember 2006
Mixed Pickles-Weihnachtsausgabe

Unser Tannenbaum ist acht Jahre alt, sagt der Christbaumverkäufer und dass er jetzt die Setzlinge für Weihnachten 2014 in den Boden gebracht hat. Ich fühle mich ein bisschen wie echte Schildkrötensuppe essen.

Praktisch: die Warteschlange unserer Postfiliale begann tagelang direkt vor unserer Haustür. Seit gestern ist Ruhe.

Mein Spam-Schutzprogramm ordnet die meisten der erhaltenen E-Mail-Weihnachtspostkarten als Spam ein. Die Kiste kann ja doch denken!

Gestern mit den Jungmännern meiner norddeutschen Familie auf ein Weihnachtskonzert. Stichwort: Integration süddeutscher Einwanderer. Auf der „17. Bagaluten Wiehnacht“ bewarfen sich 6000 Männer in Wikinger-Kostümen gegenseitig mit Bier (Becher 3 Euro), dazu spielte die Band Torfrock („Oh Karola, sich letzte Woch ist dat um mich geschehen ick hann dich in de Küch Krabben pulen sehn…“). Im Anschluss vom Onkel 150 Integrationspunkte und noch ein Bier bekommen. Verdient!

Papa erzählt, er habe sein ganzes Leben lang zu Weihnachten eine Gans gehabt. In schlechten Zeiten hat Opa das Tier auch mal für viel Geld auf dem Schwarzmarkt erstanden, oder im Garten groß gezogen. In seiner Stimme schwingt ein rührender Stolz. Wir haben dann doch noch eine Gans bestellt.

Die Weihnacht meiner Kindheit ist Vergangenheit. Die ewigen Kinder sind verstreut, das Elternhaus bewohnen jetzt Fremde, die Eltern sitzen in einer kleinen Anliegerwohnung. Das Ungeahnte geschieht: die verdammten, nervtötenden Rituale fehlen mir jetzt schon, ich spüre das, ganz leise, im Hintergrund, seit Tagen schon.

Eigene Rituale erfinden!

Frohes Fest! wünscht man dieses Jahr vermehrt, zwischen Tür und Angel. Früher wünschte man fröhliche Weihnachten. Frohes Fest ist aber auch irgendwie unverbindlicher.

Gestern bei der lieben, alten Frau Böhme geklingelt und Pralinen vorbei gebracht und ein frohes Fest gewünscht. Und Sie mir: „viel Erfolg im nächsten Jahr mit ihrem Beruf, sie sind ja viel Zuhause.“ Beruf in Anführungszeichen.

Die Liebste sagt, sie liebe Weihnachten und auch der Stress gehöre dazu, sie liebe auch den Weihnachtsstress. Ich liebe meine kluge Liebste, die Königin des klaren Gedankens und der Entschleunigung.

Ich wünsche den Leserinnen und Lesern des Kiosk fröhliche Weihnachten, ein frohes Fest, eine Gans, eigene Rituale, einen Tannenbaum (Plastik rockt!) und Entschleunigung. Ach so, und natürlich: viel Erfolg im nächsten Jahr mit Ihrem "Beruf"!