Dem Herrn Paulsen sein Kiosk
Donnerstag, 9. Juli 2009
Summerjam 2009- die kleine Konzertkritik


Dieser Moment: barfuss über den weichen Sand laufen, der Blick über spiegelglattes Wasser zur dicht bewaldeten Insel in der Mitte des Sees, mit Anlauf hinein, eintauchen mit ausgestreckten Armen, das kühle Wasser dämpft die Geräusche vom Ufer, tauchen solange es geht, silbergraue Fische ziehen vorbei, dann wieder rauf, die Abendsonne glitzert, es riecht nach Grillkohle, die bunten Menschen am Strand, das neue Zelt wie jedes Jahr ganz nah am am Wasser, los geht es.

Auch dafür fahre ich seit neun Jahren zum Summerjam, nehme mir eine Auszeit, klaue mir einen kleinen Urlaub an den Ufern des Fühlinger Sees bei Köln. Die ersten zwei Tage Entschleunigung: Grillabende vor dem Zelt, Gespräche, lesend im Campingstuhl verloren gehen. Europas größtes Reggae-Festival beginnt stets mit diesem erholsamen Campingurlaub in unfassbar reicher Natur, bis dann am Freitagnachmittag, die Brücken zur Insel geöffnet werden und drei Tage Musik auf zwei Bühnen geboten wird, 25.000 Menschen feiern direkt am Wasser.

Freitag, 3. Juli. 2009

Die 24ste Ausgabe des Festivals überrascht mit satt Sonne, die alten Leute erzählen sich, dass sei nicht immer so gewesen, eigentlich fast nie, gefroren habe man in nassen Zelten, in all den Jahren zuvor. Jetzt ist Sommer, Sonne, Sonnenschein und gut erholt machen sich mein treuer Begleiter Sir Peter und ich auf den Weg den „Reggae-Reggae zu tanzen“, wie es Jan Delay im Posting hier drunter formulierte.

The Busters, Green Stage

Zuerst mal wird aber gar nicht getanzt. Eher wiegt man höflich ein wenig hin und her zum perfekten Ska der deutschen Veteranen-Combo „The Busters“. Mein Gott, wie lange machen die das eigentlich schon? Ich habe die Busters irgendwie mit Sechzehn regelmäßig gesehen, das spielten die beinahe wöchentlich irgendwo in der schwäbischen Provinz in Landgasthöfen die „Gasthof Adler“ hießen. In den Neunzigern zogen mir die Busters mehrfach im SO 36 in Berlin die Schuhe aus, zuletzt sah ich sie vor ein paar Jahren gutgelaunt in meiner Wahlheimatstadt Hamburg spielen. Irgendwie klingt es jetzt so sauber. So poppig auch, so durchinszeniert. Grönemeyer-Ska. Als die alten Stücke kommen, geht der alte Herr Paulsen aber doch ein bisschen in die Knie, gänsehäutig lausche ich den alten Gassenhauern, das neu eingeführte Akkordeon ist der Hammer, und auch vom jugendfrischen Sir Peter gibt es wohlmeinende Respektsbekundungen.



www.thebusters.com

Nosliw & Feueralarm Band, Red Stage

Ich mag den Herrn Nosliw ja, er ist so, wie die jungen Leute sagen, „real“. Der einstige Hip-Hopper macht jetzt ernst mit seiner Reggae-Begeisterung, ein ganzes Album one drope und Dancehall mit deutschen Texten, live unprätentiös dargebracht wie ein Konzert für ein paar Kumpels, die Feueralarm Band in Spielfreude, die Massive geht stark drauf ab, ich finde das unterhaltsam, so in der Abendsonne, mit einem kühlen Bier und Seeblick. Nicht mehr und nicht weniger.



www.myspace.com

Ward 21, Red Stage

In Musikzeitschriften die sich ansonsten nicht allzu lang mit Reggae aufhalten, werden Ward 21 gerne mit den Beastie Boys verglichen. Ich weiß nicht was die Beastie Boys getan haben sollen, dass man sie derart beleidigt. Da vorne stehen drei Jamaikaner die sich nach der Psychiatrieabteilung des Universitätsspitals Kingstons benannt haben, sich wie Insassen benehmen und Krach machen wie auf dem Rummelplatz, Sample-Wahnsinn galore, immer schön technoid auf die Zwölf, Ding-Dong, Bimmel-Bimmel, Brüll-Brüll. Bemerkenswert ist lediglich die Furcht erregende extrem bass-lastige Stimme eines der drei Shouter, das können aber D-Flame und Dr. Ring Ding auch und die machen sogar Musik dazu. Wir gehen mal was essen.



www.myspace.com

Patrice, Red Stage

Warum immer ich, warum schon wieder? Erst letztes Jahr habe ich mich an gleicher Stelle bei einem Patrice-Konzert tödlich gelangweilt. Wenigstens regnet es diesmal nicht. Patrice war mal einer der größten Reggae-Hoffnungen für mich, sagenhaft, was war der Mann gut, solo und auch mit Silly Walks. Jetzt gibt er den wanderklampfenden Pop-Poeten und ist damit unfassbar erfolgreich. Ich stehe hier übrigens nur, weil ich Sir Peter verloren habe und der gesagt hat, ich solle unbedingt hier stehen bleiben. Es ist eine schwere Zeit.



www.patrice-music.de

Jan Delay & Disko No.1, Red Stage

Unser Bester. Jan Delay rettet mit seiner brillanten Band Disko No.1 einen ansonsten schwachen Festivalauftakt. Ich wag zu behaupten live gibt es in Deutschland zu Zeit nichts Vergleichbares. Unfassbar dicker Funk, dichte Bläserwände, perlende Ausflüge in den Reggae, dicke Diskokracher, die Massive flippt komplett aus, wer nicht mehr tanzen kann liegt dem Flashgott ergeben zu Füßen. Was für eine Nacht, was für ein Konzert. Die Backstreet Boys werden gecovert "Everybody" kommt zu Funk-Ehren und wer „U can´t touch this“ von MC Hammer in der Jan Delay-Disko No. 1-Version gesehen und gehört hat, der wird noch seinen Enkeln versuchen zu erklären, wie aus großem Spaß plötzlich pure Magie entstehen kann. Danke. Danke. Danke.



www.jandelay.de

Samstag, 4. Juli. 2009

Unser Green Stage-Tag. Seit vielen Jahren ist die kleinere Green Stage der Geheimtipp für schöne Entdeckungen, hier spielen facettenreiche, meist europäischen Bands, hier gibt es auch mal Hip-Hop, Ska, Worldmusic-Acts und Crossover-Bands, während die große Red Stage Bühne den eher klassischen- und großen Namen des Reggae vorbehalten ist. An diesem Samstag ziehen wir bereits um 13:00 Uhr unter die großen Pappeln, Hamburg City ruft!

I-Fire, Green Stage

Ich habe I-Fire immer für eine ganz nette Band gehalten, mit ein paar guten Songs. Ich entschuldige mich hiermit bei I-Fire für diese grobe Fehleinschätzung. I-Fire sind einen weiten Weg gegangen, das was die Band da vorne abliefert ist ein amtliches Brett: die Songs vom neuen Album sind kraftvolle Nummer, die Texte manchmal politisch, nie humorlos, immer raffiniert, die Musiker gehen punktgenau nach vorn, die drei Sänger sind großartig im Zusammenspiel, live ist das eine ziemliche Bombe und ich freue mich sehr auf das neue Album! Hamburg City rules - ja, jetzt tatsächlich.



www.i-fire-sound.com

The Aggrolites, Green Stage

Ich muss jetzt mal streng werden: sagen Sie mal, wozu glauben Sie, mache ich das alles hier? Ich schreibe nicht von französischen oder amerikanischen Musikblogs ab (allerhöchstens mal bei meinem ungarischen Freund Simon Iddol!), ich kauf mir die ganzen Musikzeitschriften selbst, keine Plattenfirma bemustert mich, ich entdecke die Bands die ich hier vorstelle alle selbst. Und was ist der Dank! Nicht ein einziger Kiosk-Leser vor der Bühne, als die Aggrolites spielen, die ich ihnen vor zwei Wochen allerwärmstens ans Herz gelegt habe. Eigentlich ist außer Sir Peter und mir gar niemand vor der Bühne. Die sind nach I-Fire alle abgehauen, rüber zu Martin Jondo. Da stehen wir Zwei und die Band aus L.A., Staub staubt in der Mittagssonne, über den leeren Platz fegt ein heißer Wind. Tumbleweed rollt vorbei. Dann setzt diese magische Hammond-Orgel ein, wuhahahahaaaa und dann „twack-twack“ trocken rocken die Gitarren, der mächtige Bass setzt ein, die Herren in Schwarz beginnen zu springen, wir springen mit, hinein in rumpeligen Rocksteady und tiefschwarzen Funk, kalifornischen Rock und rasenden Ska. Gigantisch. Immerhin so um die 400 Zuhörer finden sich dann doch sehr schnell. So also, nochmal, letzte Chance, die Herren Aggrolites sind auf Tour. Gehen Sie hin.



www.myspace.com

Samy Delux, Green Stage

Vom Saulus zum Paulus habe Samy Delux sich gewandelt, erklärt mir Hip-Hop-Fachberater Sir Peter. Jetzt malt Samy Delux jedenfalls mit dem großen Gefühslpinsel, greift tief rein in die Pathoskiste, mahnt und predigt der Jugend, erzählt ausschweifend von seiner Eigene. Das Seltsame daran: letztendlich nimmt man es im ab und nicht krumm, der Typ ist authentisch. Musikalisch war das jetzt nicht soo meins.



www.deluxe-records.de

Michael Franti & Spearhead, Green Stage

Auf große Gesten will auch Hip-Hop-Regga-Rebell-Rocker Michael Franti aus San Francisco nicht verzichten, bei über zwei Meter Körpergröße auch eher schwierig. Der bunte Stilmix funktioniert live ausgezeichnte, Franti selbst freut sich ausdrücklich über die Situation, politischen Mahnungen folgt die Partypatrol, wahlweise auf dem one drop, gerne auch mal forza durch die Gitarrenwand. Ein schöner Spaß.



www.michaelfranti.com

Arrested Development

Was hab ich mich darauf gefreut. Und dann: lebloser Radiofunk, plattengetreu nachgespielt, kein Funke springt über, im üppig wabbernden Diskonebel drehen sich Arrested Development um sich selbst, covern dann noch sehr schlecht Michael Jacksons Billie Jean und ich verpasse vor lauter Schreck auch noch Bunny Wailer auf der Red Stage (hab ich aber gottlob erst Montag gemerkt).



www.arresteddevelopmentmusic.com

Müde Mannen auf der Bühne und auch ich bin platt von 10 Stunden Musik, darunter einige beachtliche Partys und Dauerdance-Contests. Die Kinder gehen jetzt noch bis acht Uhr in die Dancehall. Hach!

Sonntag, 5. Juli 2009

Schon ein paar Tagen der Running Gag zwischen Sir Peter und mir: wer von uns beiden sich am meisten auf das Abschlusskonzert mit UB40 freut, huhahahaha! Zuvor gibt’s Jah sei Dank doch noch die ein oder andere amtliche Band, wenngleich Sir Peter und mir schon länger schwant, dass dies für uns nicht das musikalisch stärkste Jahr der gemeinsamen Summerjams ist. Aber Sonnenschein galore, unter dem sitzen wir ausgiebig, Badetag!



Wir kommen gerade noch rechtzeitig zu Nneka.

Nneka, Green Stage

Es ist sehr leicht sich in Nneka zu verlieben. Sie ist eine wunderschöne Frau, ihre Stimme schneidet Glas, Stahl und Beton, sie ist politisch engagiert, eine große Poetin und Musikerin und zur Zeit schlicht die relevanteste und beste Sängerin im Reggae. Nneka möchte aber nicht geliebt werden und arbeitet hart daran. Als wir eintreffen stehen vier gestandene Tontechniker um die zierliche Frau, schütteln ab und zu die Köpfe, wahlweise sehen sie einander schweigend an. Ratlosigkeit macht sich breit, Frau Nneka fordert immer wieder neue Soundskillz und man sieht es den hart arbeitenden Technikern an: das sind wohl Dinge die bühnentechnisch 2009 noch nicht möglich sind. Nneka ists egal, die Wandergitarre fest im Griff gurrrt sie mit versteinertem Blick Vokale ins Mikro, bellt dann Befehle nach hinten, wo Techniker die Achseln zucken. Einer wagt endlich Widerspruch und verglüht in einem Todesstrahl aus Nnekas rechtem Augenwinkel. Der Veranstalter rettet die übrigen Jungs auf der Bühne indem er Nneka einfach ansagt, die Menschen jubeln, na dann. Nneka spielt konzentriert, zügig und ohne weitere Wortwechsel ein paar sehr schöne Songs. Glasklarer Sound beim Konzert übrigens!



www.myspace.com

Babylon Circus, Green Stage

Die Green Stage ist unser Schicksal, wir kommen hier nicht weg, denn jetzt kommt Babylon Circus aus Frankreich. Die vielköpfige Band brennt aus dem Stand ein unfassbares musikalisches Feuerwerk ab, explodierender Ska, schmeichelnder Chanson, treibende Balkanbeats und manchmal alles gleichzeitig und oben drauf noch Mestizo, Latin, Reggae und Swing. Manu Chao, Les Negresses Verts und Mano Negra stehen am Wegesrand. Gewaltig, das hatte ich nicht mal vermutet.



www.babyloncircus.com

UB40, Red Stage

Also man wird doch wenigstens mal kucken dürfen. Wir kucken genau zwei Songs dann gehen wir wieder. Ich hab gar keine Lust auf U40 Bashing. Ist einfach Popmusik die glaubt Reggae zu sein, gespielt von sehr guten Musikern. So soll unser Summerjam nicht enden, wir gehen zügig zurück zur Green Stage, da spielt gleich die völlig unbekannte Band Ozomatli.



www.ub40-dep.com

Ozomatli, Green Stage

Ich habe das später gegoogelt: 14 Jahre gibt es die achtköpfige Band aus L.A. schon und ich habe noch nie von ihnen gehört. Jetzt wo ich diese Zeilen schreibe, gehören Ozomatli zu meinen absoluten Lieblingsbands. Ich habe so etwas noch nicht erlebt, ein Konzert wie ein Erdbeben. Grandioser Latin-Hip-Hop mit traditionellem Salsa, Dancehall, Funk und New Orleans Brass, dazu Merengue und Ragga. Eine gewaltige Party, atemlos, die Nacht löst sich auf in pures Adrenalin, die Band kocht pausenlos die Trommelschläge höher, große Glück in den Gesichtern auf beiden Seiten der Bühne. Und dann das Finale: Ozomatli verwandeln sich in eine mächtige Banda Batucada, dreschen auf riesigen Trommeln, ein rasender Rhythmus, eine Wall of Sound, die Rattenfänger verlassen die Bühne und wandern vom Publikum verfolgt hinaus auf den Rasen, die Sommernacht vibriert, dann steigen über dem Festivalgelände glänzend fette Feuerwerksblüten ins nächtliche Blau und es überkommt mich ein so großes Glück wie ich es selbst hier nur selten spüre, auf dem Summerjam, an den Ufern des Fühlinger Sees.



www.ozomatli.com

PS:
Wie man ein fünf Tage währendes Open Air Festival auch kulinarisch gut überlebt, wie lang ein ganzes Lamm vor dem Zelt gegrillt werden muss, warum ich Kühlflüssigkeit getrunken habe, wie Chicken Yassa schmeckt und wie man mit Brennpaste Dosensuppen erhitzt, habe ich im Kiosk-eigenen-Küchenblog aufnotiert:

NutriCulinary.com:Wie man ein mehrtägiges Open Air mit kulinarischer Restwürde überlebt