Dem Herrn Paulsen sein Kiosk
Donnerstag, 10. Juli 2008
Herr Paulsen geht aus: Summerjam 2008, Fühlinger See, Köln

Mittwoch

Ich steige aus. Mitten auf der Autobahn. Stelle den Motor ab, öffne die Fahrertür und gehe zum Kofferraum. Irgendwo finde ich eine kurze Hose und ein Unterhemd. Ich bin jetzt uniform mit den Lastwagenfahrern, die seit zwei Stunden neben mir stehen. Im Vollsperrungsstau. Am heißesten Tag des Jahres. Sagt das Radio. Flimmernde Hitze über endlosem Autohaubenhorizont. Einen Tag früher als sonst bin ich aufgebrochen, zum jährlichen Summerjam-Ausflug, ein guter, ein perfekter Zeltplatz soll es sein, ein Frühbezieher-Super-Platz, auf geradem Grund, am Ufer des Fühlinger Sees, direkt am Wasser. Doch der Tag wird langsam müde, schon vor zwei Stunden sollte ich Sir Peter am Kölner Bahnhof auflesen, jetzt steh ich hier. Doch die Bahn bleibt sich treu! Sir Peters Zug steht ebenfalls seit Stunden auf freier Strecke. Heute im Angebot: Selbstmörder-Alarm. Hubschrauber kreisen.

Die dürre Ganztätowierte serviert Kölsch im Schatten des Doms, noch eins und noch eins, dann geht es endlich zum See. Sir Peter und ich, tausend Kilo Gepäck, zwei Zelte, Muskelkraft und Bierbenzin. Wir finden den Platz, den perfekten, sogar mit Hausnummer an der Straßenlampe, wir überlegen gerade eine Tageszeitung zu abonnieren, da wird’s plötzlich hektisch. Der heißeste Tag des Jahres ist vorbei, kräftige Winde zerren an schlecht befestigten Zelten, jetzt bitte schneller aufbauen. Erst einzelne dicke Tropfen ins Gesicht, dann viele kleine, dann regnet es Ströme. Schade dass wir noch mal zum Auto müssen.

Hin und zurück sind es insgesamt sechs Kilometer. Wir sind durchgeweicht, nass bis auf die Unterhose, in die ich zuletzt verzweifelt mein Handy schob. Im Zelt erstmal trockene Klamotten. Ansonsten alles nass. Die Matte auf der ich schlafen werde. Und das Zelt. Sogar innen. Merke: ein Doppelzelt mit zusätzlichem, behaglichem Wohnbereich in der Mitte, für sagenhafte 49,99 Euro, funktioniert nur bei Sonnenschein. Draußen geht die Welt unter. Wir essen kalte Würstchen aus der Dose mit Vollkornbrot, kauen langsam auf salzigen Erdnüssen rum und sehen den Wanderungen der Wasserstrassen über unseren Köpfen zu. Irgendwann schläft sogar die schlechte Laune.

Donnerstag

Gerade war da Sonne! Zumindest regnet es nicht an diesem Morgen, schnell den Grill aufgebaut und das traditionelle Grillfest nachgeholt. Es gibt verschiedene Grillwürste vom Hamburger Schlachtermeister, dazu Steaks und einen Gemüse-Couscous-Salat. Starker Regen setzt ein, ein eisiger Wind weht über den schwarzen See, die Bäume rauschen energisch. Wir verbringen den Tag im Zelt. Wenn wir Durst bekommen lecken wir Wasser von den Zeltwänden, manchmal öffnen wir auch eine Dose Bier, träumen von Schnaps und warmen Decken. Die Zeit schleicht. Morgen kommt unsere Schwester. Morgen wird alles sehr, sehr gut. Ganz bestimmt. Wasserflecken modern, leise knacken morsche Knochen.

Abends durch die Regenpause zum Rastaman. Über halbierte Blechtonnen mit glühender Kohle gebeugt, grillt der ehrwürdige, alte Herr saftig-knuspriges und feinscharfes „Jerk-Chicken“. Dazu wird Reis serviert, mit schwarzen Bohnen und Gemüsematsche. Sensationell. Im offenen Dancehall-Zelt nebenan, dehnen sich gähnend die dicken Boxen, es kommt aber nur Club-Urlaubs-Sunshine-Reggae heraus und wir gehen lieber zurück zum Zelt, trinken sizilianischen Rotwein, beschließen gute Laune zu haben, ab jetzt.

Freitag

Graukalter Morgenhimmel, windige Wellen, egal ich steige in den See, ich muss, ich fange an zu riechen, heute kommt die Schwester! Per Handy meldet sie sich, sie sei jetzt da, an der Bändchenausgabe, wir sind ganz aufgeregt, Sir Peter und ich, rufen laut der Schwester Namen ins Gewühl der Bändchenausgabe. Es melden sich überraschenderweise zwei Frauen und ein Mann mit verregnetem Humor. Aber da dann doch, da steht sie, unsere Schwester, Ami, auf dem Summerjam und in diesem Moment bricht die Sonne durch und ich kann mich von diesem Moment an auch an kein Regen und kein Grau mehr erinnern.

Wir haben Ami das Ticket geschenkt, weil sie so gefehlt hat im letzten Jahr, als wir ein Brüdertreffen gemacht haben. Jetzt wissen wir nicht so genau, ob sie das auch alles gut finden wird, zeigen erstmal den schönen Zeltplatz, für den wir zwei Tage Schrummpelhaut kassiert haben, holen die Stühle heraus und den Crémant aus dem Elsass. Von der Insel kommt Musik, das Festival hat begonnen, wir stoßen an, Plastikbecher quietschen erfreut, Sonne funkelt auf dem See.

Das Programm ist heute so hm. Tarrus Riley spielt in der Abendsonne auf der kleineren, lauschigen Bühne, die ich seit Jahren bevorzuge, wunderbar warmen Roots-Reggae, ganz neu, aber wie aus einer anderen Zeit, ein schöner Auftakt.

Tarrus Riley:
www.myspace.com

An einer afrikanischen Garküche bestellen wir den Festival-Klassiker „Chicken Yassa“, Hähnchenteilen in einer cremigen Zitronen-Senf-Sauce, dazu Couscous. Jedesmal glaube ich danach kurz, ich wäre nur wegen des Huhns hier.

Queen Ifrica spielt auf, gemeinsam mit Etana bildet sie die Speerspitze einer neuen Generation von weiblichen Reggae-Stars, die sich nicht mehr auf Brüste-Bauch-Beine-Po reduzieren lassen und zu billigem Playback-Gewummer von ihren Liebeskünsten berichten. Die neuen Frauenstimmen des Reggae haben tatsächlich eine Stimme, sind politisch, legen wert auf gutes Songwriting und haben eine Band mit brillanten Musikern hinter sich. Und sehen natürlich weiterhin unverschämt gut aus. Big up, come again!

Queen Ifrica:
www.myspace.com

Etana:
www.myspace.com

Nach einem solchen Auftakt sind die Headliner des Abends Culcha Candela, die „Reggae“-Latin-Hip-Hop-Party-Bumbum-Gasgeb-Boyband aus Berlin nur schwer zu ertragen. Wir haben ja uns und es ist noch Wein da, den wir im Licht der zelteigenen Straßenlaterne leeren. Ohropax und weg.

Samstag

Der See erfrischt, klares Wasser funkelt in der Morgensonne, der Haubentaucher taucht, die Enten wackeln neugierig die Zeltstadt ab, durch mächtige Bäume fällt fleckig warmer Sonnenschein. Weißwurstfrühstück vom Gaskocher, Beerenmüsli, Milchkaffe mit frisch aufgeschlagenem Milchschaum, man muss ja die Esskultur nicht zuhause lassen, nur weil man vorübergehend im Zelt wohnt.

Sebastian Sturm eröffnet um 13:00 Uhr auf der Hauptbühne den Tag, gemeinsam mit der grandiosen Jin Jin Band. Wir haben derzeit in Deutschland keinen größeren Reggae-Sänger und es gibt wenige so gute Reggae Bands wie Jin Jin. Sturms Interpretationen des Rootsreggae der 70er Jahre ist inniglich und federleicht, seine Perfomance energetisch, dazu Jin Jin, orgelschwer, knackige Gitarren auf den Punkt, alles fließt. Die Songs des neuen Albums „One Moment in Peace“, das am 29.08. erscheint, tönen prächtig. Das findet auch Veranstalter Klaus Maack der nicht müde wird Sturm zu preisen. Und Maack überrascht mit der öffentlichen Aussage, er sei nicht „so ganz zufrieden“ mit dem Line Up 2008, „Summerjam braucht mehr Roots Reggae“. Die Fans danken Sturm und Jin Jin mit Hingabe und Begeisterung, noch nie in der Geschichte des Summerjams waren so viele Menschen bei einem Auftaktkonzert. Gänsehaut auf und vor der Bühne. Es ist einer dieser Momente, für die ich jedes Jahr komme, mich einregnen lasse und kalte Würstchen esse.

Sebastian Sturm:
www.sebastian-sturm.com
www.myspace.com

Darauf habe ich Jahre gewartet. Roy Paci und Aretuska sind zurück. Ich entdeckt die Band einst auf dem Summerjam, seitdem gehören die Sizilianer zur Gruppe meiner meistgeliebten Bands und Paci ist der most featured Artist in meinem Blog. Irgendwas scheint aber schief zu laufen (Meine Schwester meint, es läge an meinen geringen Leserzahlen, eine Einschätzung die ich entschieden ablehne!). Nur etwa 150 Menschen (von 25.000 Festivalbesuchern!) finden sich zur Wiedersehen-Party vor der kleinen Bühne ein. Die geschmeidige Mischung aus Swing, Reggae, Ska, Mambo und der traditionellen, italienischen Banda-Musik, im Mix mit Hip-Hop und Salsa, findet beinahe unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Auch die Band ist leicht irritiert, lustige Singspiele greifen auch nicht, kaum jemand hier scheint die Alben zu kennen, man freut sich mit großer Zurückhaltung. Beherzt tanze ich 90 Minuten durch, singe mit und mache alle doofen Mitmach-und-Winkewinke-Spielchen mit, die Band gibt auch alles, orchestrale Wucht, die Bläser gehen sensationell nach vorn, alles tanzt, große Gesten, Amore und Feuer. Werte Damen, Herrschaften: sicher nicht zum letzten Mal, lege ich Ihnen eine der wunderbarsten Bands der Welt ans Herz:

www.aretuska.com
www.roypaci.it

So, schöner wird’s nicht, von mir aus können wir fahren. War nur Spaß. Jetzt kommen Pantéon Rococó aus Mexico. Die Herrschaften treten in Fußballmannschaftsstärke auf und blasen einem eine beeindruckende Druckluft-Wall of Sound um die Ohren. Mexikanischer Ska, mit schweren Metall-Gitarren und luftigem Salsa, dargebracht von finster dreinblickenden, bärtigen Mexikanern und einem Saxophonisten der an Alice Cooper gemahnt und sich auch so benimmt. Fledermäuse kommen aber nicht zu Schaden, die Revolution lebt! An dieser Stelle mag meine kluge und in Klassischer Musik gebildete Schwester zitiert werden, die den Auftritt von Pantéon Rococó und das Festival allgemein so kommentierte: „ Ich muss nicht jede Musik mögen, kann aber dennoch jeden Musiker respektieren. Ich bin erstaunt wie viel unglaublich gute Musiker und Bands hier sind. Die Beherrschung und Verwebung unterschiedlichster musikalischer Stile und Strömungen ist große Kunst, verlangt Könnerschaft.“ Wo darf ich unterschreiben?

Pantéon Rococó:
www.panteonrococo.com
www.myspace.com

Zeit für die obligatorische Mittagspause, die wir am Seeufer auf der Insel verbringen. Bisschen dösen, lecker Essen, ein Sekt für den Kreislauf und weiter geht’s. Da hinten wird’s schon wieder dunkel. Boah. Alpha Blondy aus Frankreich spielt auf, schöner Roots-Style, bevor es in den Pop-betonten Headliner-Abend geht. Wieder einmal gibt sich Patrice die Ehre und meinen Aufzeichnungen entnehme ich, dass er schon 2005 im Nachmittagsprogramm behauptete: „this is not a concert, this is a church!“ Ich meine: „Da wollen wir doch mal die Kirche im Dorf lassen!“. Patrice spielt freundlichen Songwriter-Pop mit einer Prise Reggae und Sprechgesang. Außerdem regnet es schon wieder. Nach einer kurzen Krise rette ich das Festival durch den Kauf eines Plastikregenschutzes. Kaum habe ich das entwürdigende Teil über gestülpt, hört es auf zu regnen. „Da nicht für!“, wie wir Hamburger sagen.

www.alphablondy.info
www.patriceonline.net

Hip-Hop Legende Common beehrt unterdessen die kleine Bühne. Zehn Minuten nach Konzertbeginn ist Common immer noch am Begrüßen: Hände hoch, hallo Köln, bliblahbluuuub.“ Dramatisch dröhnts backwards vom Plattenteller. Minute 15: „Hallo Köln, seid ihr im Haus?“
Wir brechen ab, das kommt heute kein Sprechgesang mehr.

Hauptbühne: Shaggy. Ich mag den Reggae-Klassenkasper. Seine Interpretation von „Oh Carolina“ war toll. Er macht das schon länger als viele andere. Wenn man dann da aber so zuhört und es reiht sich Hit an Hit, fällt plötzlich auf wie sensationell gefällig und poppig das ganze ist, wie glatt und langweilig. Boah, der EM-Song war auch von Shaggy? Meine Fresse! Gut dass wir schon seit einer halben Stunde am Zelt sitzen.

www.common-music.de
www.urban.de

Sonntag

Weckruf durch Dr. Ring Ding. Auch wieder so ein Artist, den ich regelmäßig im Blog erwähne, weil der Mann einfach was kann. Konzerte geben zum Beispiel. Gute Laune galore! Spielfreude pur mit der großartigen Band Soulfood International. So klingt Ska heute und wir skanken in der Mittagssonne. Danke Meister!

www.ringding.de
www.soulfoodinternational.de

Soulfood International begleiten auch den nächsten Act, Derrick Morgan, King of Ska, 68 Jahre alt, mittlerweile erblindet, wird zum Mikrophon geführt. Der warme, rumpelige Sound des frühen Ska setzt ein, wiegend, weiche Bläsersätze. Morgan tastet sich stimmlich nach vorn, zunächst zögerlich, dann erfasst er den Respekt und die Liebe des Publikums und dreht mächtig auf! Auch wieder einer dieser Gänsehaut-Momente, an diesem sonnigen Nachmittag.

Derrick Morgan:
www.myspace.com
de.wikipedia.org

Nochmal Legenden. Die Bandmitglieder von Bob Marley und Peter Tosh haben sich zu „Tosh meets Marley“ zusammen getan und präsentieren die alten Weisen live in glasklarem Sound. Das ist umwerfend gut, beseelt, mächtig und wunderschön. Diese Musik ist unendlich groß und unsterblich. Ein Chor von 15000 Menschen. One Love. Für diese Stunde.

Shantel spielt auf, mit dem Bucovina Club Orkestar. Was vor Jahren unter dem Begriff Russendisko in Deutschen Clubs Einzug hielt, findet seine Fortsetzung in der großen Schublade Balkan Beat. Seitdem schwingen Roma, Kroaten, Serben, Bulgaren, Polen, Tschechen und Ungarn gemeinsam das Tanzbein, das Akkordeon, die Trompeten. Der Frankfurter DJ Shantel (Stefan Hantel) gehört mit seinem „Bucovina Club“ zu den Pionieren dieser fröhlichen Bewegung. Er verzierte, als einer der Ersten, diese ohnehin schon sehr tanzbare Melange mit zarten Beats und dicken Bässen. Dafür erhielt er 2006, als erster Deutscher überhaupt, den renommierten BBC Award for World Musik. Was im Club funktioniert ist live und mit Band ein Hammer. Die Geige reitet über rasende Trompetenläufe, schluchzende Gesänge, ein Publikum außer sich. Großartig! Applaus!

www.bucovina.de

Das Festival endet mit Stephen Marley dessen preisgekröntes 2007er Album „Mind Control“ intelligenten, modernen Reggae zu Gehör bringt. Doch Stephen Marley ist auch Erben und er präsentiert sein Erbe live, unbeschwer, selbstbewusst und fröhlich, jeder zweite Song ist vom Vater.
This, lieber Patrice, is a church.

Stephen Marley:
www.stephenmarleymusic.com
www.myspace.com

Der brennende Abendhimmel erst blau, dann schwarz, ein Feuerwerk noch, ein letztes Mal ins feuchte Zelt, dann war es das wieder und schön war es, die Bands, die Musik, die Menschen, das Essen, der Wein und ganz besonders die Geschwisterzeit, wir Drei Mal wieder für uns, ganz unbeschwert gefeiert, uns, die Musik und das Leben. Macht man ja alles viel zu selten. Danke Euch!

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Fotos:

Der Fotograf Thomas von der Heiden hat wunderschöne Fotos von fast allen Artists gemacht:

Bildgalerie aus einslive.de

außerdem:

Bigupmagazin Fotostrecke Reggaephotos.de