| Dem Herrn Paulsen sein Kiosk |
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Samstag, 24. März 2007
Bücherstöckchen
herr paulsen
09:42h
![]() -Gebunden oder Taschenbuch? Gebunden. Oder Taschenbuch. Hauptsache gesund, sagte meine Oma immer. -Amazon oder Buchhandel? Buchhandel, ausschließlich. Von wegen „support your local dealer“, aber auch einfach weil ich so selten zuhause bin, dass ich die Bücher von amazon dann immer bei der Post abholen müsste. Und ich verbringe meine Zeit dann doch lieber in der Buchhandlung als auf dem Postamt. -Lesezeichen oder Eselsohr? Lesezeichen und zwar alles was rumliegt. Nimmt man die Bücher dann Jahre später in die Hand, schenkt man sich manchmal selbst Erinnerungen an die Zeit in der man sie gelesen hat. Neulich in einem Buch von Stuckrad-Barre einen Schein der Währung eines hiesigen Strippclubs gefunden (Dollhouse-Dollar). Aufschlussreich. -Ordnen nach Autor, nach Titel oder ungeordnet? Wohnungen von Menschen die ihre Bücher nach Farben sortiert haben, verlasse ich wortlos und zügig. Bei mir ist alles weitestgehend ungeordnet. Allerdings gibt es in meinem Bücherregal drei Extra-Abteilungen: Kochbücher, Hamburger Autoren, KAFFEE.SATZ.LESEN-Gäste. Wer nicht sortiert, findet zwar so schnell nichts wieder, macht aber so manche Entdeckung im heimischen Buchregal. -Behalten, wegwerfen oder verkaufen? Auf den Dachboden. -Schutzumschlag behalten oder wegwerfen? Der Schutzumschlag wird während des Lesens getrennt aufbewahrt, gerade in Zügen und U-Bahnen schätze ich es sehr, dass nicht jeder sieht was ich gerade lese. Später feierliche Zusammenführung im Buchregal oder auf dem Dachboden. -Kurzgeschichten oder Roman? Beides. Ich liebe Kurzgeschichten, sie sind so schön kurz. Eine geht immer noch und ich schätze an der Kurzgeschichte die Reduktion auf das Wesentlich. Romane sind wunderbar um sich mehrere Tage in einer anderen Welt zu verlieren. Leider reicht oft die Zeit nicht. -Sammlung (Kurzgeschichten von einem Autor) oder Anthologie (Kurzgeschichten von verschiedenen Autoren)? Beides. Gäbe es keine Anthologien, sänke die Chance auf eine Veröffentlichung für junge Autoren gen Null. Und Veröffentlichungen sind nun mal wichtig für junge Talente, viele Literaturpreise setzen Veröffentlichungen als Teilnahmebedingung voraus, Verleger fragen generös: "Und junger Mann, schon ma so richtig veröffentlicht?". Die Leser haben auch was von Anthologien. Entdeckungen. -Harry Potter oder Lemony Snicket? Snicket musste ich googeln. Die Zeit möchte ich gar nicht haben. Und wenn ich was über Zauberei lesen will, dann die Bücher von Hérve This-Benckhard. Der bessesene Gourmet und Wissenschaftlern nährt sich der Kochkunst auf analytischem Wege und macht dabei überraschende Entdeckungen. -Aufhören, wenn man müde ist oder wenn das Kapitel endet? Ich mache mich vorher schon schlau, wann das Kapitel zu ende ist, dementsprechend blättere ich an ganz müden Abenden lieber in Zeitschriften. -„Die Nacht war dunkel und stürmisch“ oder „Es war einmal“? Würde ich beides nicht zwingend weiter lesen. Ein schöner, erster Satz ist dieser hier: "Holm mochte, wenn es bewölkt war, dann konnte man ihn aus dem All nicht beobachten." (Ein Mann wie Holm, Matthias Keidtel) -Kaufen oder Leihen? Kaufen. Die Gefahr ein liebgewonnenes Buch zurückgeben zu müssen, ist zu groß, zudem müssen Schriftsteller ja auch von was leben. -Neu oder gebraucht? Neu. Gebrauchte Bücher haben ihre Seele schon beim Vorbesitzer ausgehaucht. -Kaufentscheidung: Bestsellerliste, Rezension, Empfehlung oder Stöbern? Bestsellerlisten bilden die größtmögliche Schnittmenge des Massengeschmacks ab. Das hat seine Berechtigung. Ich vertraue eher auf die Empfehlungen von Freunden, sowie den Blogs und Zeitungen meines Vertrauens. Ich entdecke lesenswerte Autoren auf Lesungen. Stöbern ist ruinös. -Geschlossenes Ende oder Cliffhanger? Geschlossenes Ende, alles andere macht mich wuschig. -Morgens, mittags oder nachts lesen? Nachts, ausschließlich. Ich wünschte meine Bücher würden mal Tageslicht sehen, aber das Leben will es nicht. -Einzelband oder Serie? „Fünf Freunde“ war meine letzte Serie. -Lieblingsserie? Hab ich nicht. -Lieblingsbuch, von dem noch nie jemand gehört hat? Das letzte Kochbuch an dem ich mitgearbeitet habe. -Lieblingsbuch, das du letztes Jahr gelesen hast? ![]() Mein Buch des Jahres, ein Buch dass für mich das Ende des Schreibens bedeutete (mittlerweile habe ich mich erholt) aus Demut vor soviel Genie, oder, wie ein befreundeter Verleger es damals ausdrückte: „es macht keinen Sinn mehr zu schreiben, wenn man nicht wenigstens versucht, ein bisschen wie Saša Stanišic zu schreiben“. Was er meint ist die Fülle wuchtiger Bilder, die Liebe zum Detail und einen puren Sprachfluss der sich alle Zaubertricks und Kunststückchen der Literatur verbietet, ohne Effekthascherei eine große Geschichte erzählt. „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ heißt dieses Wunderwerk, welches im gesamtdeutschen Feuilleton gepriesen wurde, das spielt aber keine Rolle, es ist tatsächlich meisterhaft. -Welches Buch liest du gegenwärtig? ![]() "sound bites“ von Alex Kapranos. Als er neulich in Hamburg war, habe ich Ihn verpasst. Ein lieber Mensch erzählte Kapranos von mir und ich besitze jetzt ein handsigniertes Exemplar: „Paulsen, see you next time“, steht da und ich freu mich drauf und drüber. Danke Hartmut! -Absolutes Lieblingsbuch aller Zeiten? ![]() Und zwar die Erstausgabe aus meinem Geburtsjahr. Illustriert von Künstlern dieser Zeit (Tomi Ungerer, David Hockney, Roland Topor to name but a few), ein bunter, psychedelischer Augentrip. Es wurde DAS Bilderbuch meiner Kindheit und ich besitze es heute noch. Auch besaß ich „Die kleine Raupe Nimmersatt“ und „Wo die wilden Kerle wohnen“ und so ziemlich jedes Kinderbuch das in 70er-Foren je erwähnt wurde. Sie alle sehen aus wie neu. Alan Aldriges Songbook aber, mit seinen wilden Comics, traumhaften Photographien und kunterbunten Zeichnungen ist wunderbar abgenutzt. Zudem habe ich es in meinem Kinderzimmer persönlich nachcoloriert und Fehlendes ergänzt. 1975, meiner künstlerischen Unpässlichkeit wohl bewusst, versuchte ich, meine damalige Grundschul-Klassenlehrerin, einem Drachen kurz vor der Rente, mit einem abgepausten Bild zu versöhnen. Da sieht man zwei Menschen, und der ohne Gitarre fragt in einer Sprechblase: „Can´t you play any Northern Songs“. Meine Eltern wurden vorgeladen. ... comment
amidelanuit, 2007.03.24, 10:32
was für ein tolles stöckchen. da sies nicht weiter schmeissen, apportiere ich das einfach mal ganz frank und frei!
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thinkabout, 2007.03.25, 17:04
Atmende Bücherwelt
Ihre Zeilen bringen die Liebe zum Buch so wunderbar zur Geltung! Jeder Schreibende ist immer erst auch ein Leser. Wenn ich zwischen Ihren Worten den Geruch des abgegriffenen Papiers rieche, beschleicht mich Wehmut darüber, dass es in meiner eigenen Jugend nicht mehr Bücher gab: Es ist danach niemals aufzuholen, diese Fülle an Assoziation, von selbsterzählten Geschichten, die jeder Leser aus jeder Geschichte für sich macht, anregend und assoziativ, Reichtum in jedem Kopf, der sich zwischen Buchseiten vergräbt und alsdann nicht mehr zu stören ist...
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herr paulsen, 2007.03.26, 06:57
Vielleicht möchten Sie das Stöckchen in Ihrem Blog auch beantworten thinkabout, würde mich interessieren.
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thinkabout, 2007.03.27, 00:48
au weia
da stöckeln Sie mir ja was ein, aber ich arbeite dann mal dran, und zumindest Sie werden das Klafter Holz dann schon zurück erhalten
Noch eine Entschuldigung: Da lese ich schon so lange bie Ihnen und mit grösstem Vergnügen, und verlinkt sind Sie noch gar nicht. Das ändere ich jetzt und dannn trinke ich meinen letzten Espresso, von dem ich wünschte, es wäre ein Cortado. ... link
thinkabout, 2007.03.27, 16:51
Herr Paulsen, Sie können vielleicht
auf eine Art und Weise fragen... Dann lesen Sie denn halt mal, so Sie mögen, auch bei mir.
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acqua, 2007.03.26, 12:56
Schönes Bücherregalbild!
Mögen Sie bei mir drüben Bücheranfänge mitraten? ... Link
herr paulsen, 2007.03.26, 22:43
Viel zu schwierig!
Aber danke, aqua, ich werd das mal im Auge behalten, jetzt will ichs ja schon wissen. ... link ... Comment
desideria, 2007.03.27, 13:52
Ihr Stöckchen habe ich auch entwendet, Herr Paulsen, und werde mich jetzt endlich Herrn Saša Stanišic zuwenden. Danke, Ihren Tipps vertraue ich ungelesen...
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der rentner, 2007.03.28, 01:48
ganz bescheiden empfohlen
Patrick Leigh Fermor - Reise in die Stille
P.L.F. war ein von Chatwin und Theroux bewunderter Autor und Reiseschriftsteller. In diesem Werk, das auf Briefen an seine spätere Frau beruht (zur Veröffentlichung also ursprünglich nicht gedacht war), berichtet er von seinen Reisen in französische und britische Klöster und in jene, in den Fels gehauene Kappadokiens. Ein Sprachstil, dessen Eindringlichkeit es vermag, dem Leser etwas von der heiteren Gelassenheit und dem stillen Frieden zu vermitteln, welche den Autor beim Besuch dieser Orte überkam. Ganz anders dagegen Milorad Pavic - Das Chasarische Wörterbuch Das m. W. einzige Buch, welches bisher für das vierhändige Lesen geschrieben wurde. Es gibt nämlich eine männliche und eine weibliche Ausgabe. Diese sind zwar in sich abgeschlossen, auch weitgehend identischen Inhalts, aber an entscheidenden Stellen doch verschieden und somit nur gemeinsam ein Ganzes. Was es ist: ein Abenteuer-, Liebes- und historischer Roman, in welchem sich vor dreihundert Jahren ein Christ, ein Muslim und ein Jude gegenseitig in ihre Träume schleichen und somit auslöschen. Der Erforschung ihrer Geschichte widmen sich nun heute ein Ägypter, ein Jugoslawe und eine polnische Jüdin. Zwei dieser Zeitgenossen kommen um, das macht noch zusätzlich einen Kriminalroman. Entsprechend den historischen Einsprengseln, den Berichten der zwei mal drei Personen verfügt jeder Band über ein rotes, ein grünes und ein gelbes Lesebändchen. Der Leser kann also niemals verloren gehen. Das Buch ist ein Zauberbuch. Wenn man es gelesen hat, hat man viel über die drei abrahamitischen Religionen, deren Geschichte und ihre Auswirkungen erfahren und entdeckt einen Balkan, welcher nichts gemein hat mit dem uns bisher Gesagten, Erzählten und Angelogenen. Die Sprache ist von einem noch nie gelesenen Bilderreichtum. Dieses Buch dringt bei der Lektüre durch unsere Haut, wandert ins Gehirn und ins Gedärm und wuchert in unsern Gedanken wie ein Myzel. Hütet euch vor seiner Lektüre! ... Link ... Comment
florimason, 2007.03.28, 18:49
klasse geschrieben...
Dein blog gefällt mir sehr, und ich würde meine beiden blogs gerne mit deinem verlinken.
Der eine ist mein England-Tagebuch (ich lebe in Norfolk): myengland.typepad.com der andere das Tagebuch meines Hundes , ebenfalls England: florinorfolk.wordpress.com Hast du Interesse? Susanne ... Link ... Comment
.olli, 2007.03.28, 21:33
Danke.
für diesen Ein- und Ausblick.
Dieser Stock hat wirklich was. Das ist nun schon das zweite Mal, dass ich darüber stolpere ... ... Link ... Comment
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Last update: 2009.10.10, 13:01 status
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Pfffff... alter Nachmacher. Jetzt, wo
alle dichtmachen.
[und überhaupt, wo ist das Bild hin?...
by frau klugscheisser (2009.10.10, 13:01)
Hach Wie ett so iss.
Is ja auch schon 3enhalb Jahre her....
by Kasi (2009.10.06, 22:06)
:( Hoffentlich wird das nicht
zu einseitig, wenn es nur noch um's Essen gebloggt wird....
by fotozelle (2009.09.24, 17:19)
Bin ich schon gefolgt.
Aber für dies hier: Danke!
by austerlitsch (2009.09.21, 12:04)
Kaum aus dem Urlaub zurück
und dann das! Schade, schade! Ich geh dann mal...
by eltogue (2009.09.19, 23:55)
Aktualisiert. Merci für alles
hier.
by le_d (2009.09.18, 22:05)
sehr sehr schade!!
ich
werde ihre Tips, Anekdoten, Hinweise, und und und vermissen -...
by ednett (2009.09.18, 20:01)
aua! Da wird einem als
Stammleser das Herz schon sehr schwer- gerade weil der Kiosk...
by querschnitt (2009.09.18, 11:14)
Besonders der Sonntag mit Nils
Koppruch wird in guter Erinnerung bleiben (fast so gut...
by loco en la cocina (2009.09.18, 08:09)
Danke für die vielen wunderbaren
Beiträge und Gespräche vorne am Kiosk, Herr Paulsen. Sie...
by cemb (2009.09.18, 07:16)
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