Dem Herrn Paulsen sein Kiosk
Montag, 27. November 2006
Jetzt neu: Uneingeschränkte Solidarität mit den werktätigen Eltern dieser Welt!


Die Sorgen und Nöte der Eltern meiner Generation sind mir fremd. Ich habe ja keine Kinder. Schilderungen des Eltern-Alltags gelangen nur sporadisch an mein Ohr („…aber wenn er einmal lacht, bekommt man alles zurück!“) und manchmal lese ich mit befremdendem Staunen in Blogs vom Scheitern erzieherischer Maßnahmen, das ist alles, das ist nicht meine Welt. Das war nicht meine Welt. Bis zum vergangene Wochenende. Da war ich nämlich Eltern. Drei Tage lang. Leichtfertig hatte ich zugesagt, auf mein zweijähriges Patenkind aufzupassen. Mach ich doch mit Links! Dachte ich.

Freitag

17:00 Uhr
Das Kind freut sich. Lachend ruft es: „Paulsen!“ Süß! Die Babysitterin erklärt mir, der Lüdde sei gewickelt und guter Laune und sie gehe jetzt. Kein Problem, Tschüss. Ich sehe auf meinen Plan. Spielen, steht da. Wir schieben Autos durch ein Plastik-Parkhaus. Aus dem Kind läuft ununterbrochen Schleim. Verschärfte Krustenbildung um die Mundpartie. Ich hole Tempos.
18:00 Uhr
Ich sehe auf meinen Plan. Kochen, steht da. Ich mache Bolognese heiß und koche Spaghetti. Das mag der Lüdde. Hat man mir gesagt. Der Lüdde mag aber nur Nudeln. Ich schneide Nudeln klein. Der Lüdde kann schon selber essen!
18:45 Uhr
Ich krieche unter den Küchentisch und sammle klebrige Nudeln auf. Hat der Kleine überhaupt was gegessen? Windelwechsel. Achduliebegüte. Wie ein Alter!
19:45 Uhr
Ich habs einfach drauf! Kind ist gewaschen, umgezogen, Zähne geputzt und liegt im Bett. Schläft sofort ein. Toll. Ich bin der Größte!
21:00 Uhr
Die Liebste kommt von der Arbeit. Wir essen Spaghetti Bolognese, kucken Fernsehen, dann lese ich noch ein bisschen.
Um 01:00 Uhr erst Licht aus. Riesen Fehler!

Samstag

03:30 Uhr
Wo bin ich? Wer bin ich? Die Liebste rüttelt an mir und spricht mehrfach meinen Namen. Gebrüll aus dem Kinderzimmer. Schlaftrunken taumle ich zum Kinderbettchen. Ich sehe auf meinen Plan. Über den Kopf streicheln und Spieluhr an. Mach ich. Kind schläft sofort ein. Ich bin wach.
04:30 Uhr
Ich bin immer noch wach. Gebrüll aus dem Kinderzimmer. Schlaftrunken taumle ich zum Kinderbettchen. Ich sehe auf meinen Plan. Über den Kopf streicheln und Spieluhr an. Mach ich. Kind schläft sofort ein. Ich bin wach.
05:30 Uhr
Ich bin immer noch wach. Gebrüll aus dem Kinderzimmer. Schlaftrunken taumle ich zum Kinderbettchen. Ich sehe auf meinen Plan. Über den Kopf streicheln und Spieluhr an. Mach ich. Kind schläft sofort ein. Ich bin wach.
06:30 Uhr
Ich bin immer noch wach. Gebrüll aus dem Kinderzimmer. Schlaftrunken taumle ich zum Kinderbettchen. Ich sehe auf meinen Plan. Milch servieren, steht da. 100 ml warmes Wasser mit 80 ml Milch vermengen und rein in das Kind. Aus dem Kind läuft ununterbrochen Schleim. Verschärfte Krustenbildung um die Mundpartie. Ich hole Tempos.
07:30 Uhr
Die Liebste muss zur Arbeit. Ich habs gut, ich hab ja nur das Kind! Windelwechsel, Kind anziehen. Body, Hose, Hemd, Strümpfe, Schuhe. Ich bin Schweißgebadet. Ich bin so müde. Wir essen Joghurt. Steht so auf dem Plan. Und Freizeit, steht da. Es dämmert. Ich bin so müde, so unglaublich müde.
10:00 Uhr
Freizeit. Ich wuchte die Kinderkarre auf die Strasse. Wir gehen durch das menschenleere Schanzenviertel, ich, das Kind und andere Eltern. Normale Menschen schlafen noch. Ich lerne: Eltern nicken sich freundlich lächelnd zu, wenn sie einander Begegnen. Wahrscheinlich irgend ein Geheimcode zur Aufmunterung, hey Du bist nicht allein!
10:30 Uhr
Ich versuche, die Kinderkarre ins Café zu bekommen.
10:40 Uhr
Drin! Das Café ist voll mit Eltern. Es wird viel gelächelt. Ich trinke Kaffee, beträufle das Kind mit Kakao und lese Zeitung. Ich würde gerne rauchen, aber die anderen Eltern rauchen alle auch nicht. „Entschuldigung!“, eine Mutter spricht mich an! „Sagen Sie mal, wie machen Sie das? Ich meine, ich hab seit drei Jahren keine Zeitung mehr gelesen zum Kaffee. Ist ihr Sohn immer so lieb?“ - "Och!", mache ich: „ ja klaaaar. Ist ganz normal!“ Der Bub schmiert Schleim und Kakao ans Fenster und ich bin sehr stolz.
11:20 Uhr
Einkaufen im Supermarkt. ALLE Frauen lächeln mir zu. Ich bin zu müde um zurück zu lächeln.
11:35 Uhr
Das Kind ist weg! Panik!
11:36 Uhr
Ich setze das Kind in die Karre und räume alle Nudelpackungen wieder zurück ins Regal.
12:00 Uhr
Wieder zuhause. Ich bin so müde. Wir essen zusammen ein Würstchen und ein halbes Brot. Ich sehe auf meinen Plan. 14:00 Uhr Mittagsschlaf steht da. Das schaff ich nicht mehr. „Bist Du müde?“ frage ich das Kind. Kind verneint. Spielen!
13:00 Uhr
Ich kann nicht mehr. Mittagsschlaf wird heute um eine Stunde vorverlegt, ich muss jetzt dringend schlafen. Kind ausziehen, Windel wechseln, Kind anziehen, ich bin schweißgebadet. Kind ins Bett, Paulsen ins Bett. Ich bete. Nur eine Stunde, bete ich, bitte Gott, ich hab mich lang nicht bei Dir gemeldet, aber ich brauche jetzt eine Stunde, bitte, bitte lieber Gott.
13:30 Uhr
Gott ist tot. Das Kind ruft meinen Namen. Ich schaue auf den Plan. Mist. Schon wieder Freizeit. Kind ausziehen, Kind anziehen, Rucksack packen (Kekse, Rosinen, Saft, Windel, Tempos, Tempos, Tempos). Auf zum Spielplatz. Mit Tempos alle Rutschen abgetrocknet. Kind will nicht rutschen, Kind will Fußball. „Fußball!“ ruft das Kind und weint ein bisschen. Gut, Fußball.
14:00-14:30 Uhr
Das Kind sieht eine halbe Stunde lang drei Halbstarken beim Kicken im Park zu. Mich ignoriert das Kind. Dann: „au Fußball!“. Klar, sage ich, kein Problem, geh einfach hin und dann kannst Du da mitspielen, sage ich. „Paulsen au Fußball!“ sagt das Kind.
14:30-15:00 Uhr
Ich spiele mit Jan, Peter, Henning und meinem Patenkind Fußball. Jan, Peter und Henning lachen mich aus. „Los, schieß den Papa ab!“ feuern Jan, Peter und Henning mein Patenkind an.
15:00 Uhr
Kind weint. Ist mir jetzt egal, ich will nachhause. Ich sehe auf den Plan. Achduscheissedasdarfdochnichtwahrsein. Duschen! Kind ausziehen, duschen. Das Kind liebt duschen. Toll. Das ist ja einfach.
15:30 Uhr
Das Kind will weiter duschen. Es brüllt. Ich nehme das Kind aus der Wanne. Das Kind schreit gellend. Ich versuche: das Kind abzutrocknen. Das Kind wirft sich zu Boden, ein Tollwutanfall, es schreit und weint und versucht dabei seine rechte Hand zu essen.
16:00 Uhr
Das Kind schreit immer noch, Tränen, Rotz und Wasser. Ich muss den Bub doch irgendwie trocken bekommen. Kleiner Ringkampf im Badezimmer. Das Kind hasst mich, ich sehe es in den tränenschillernden Augen, aber wat mut dat mut.
18:00 Uhr
Ich bin ein nervliches Wrack. Ich trinke eine Flasche Bier ohne abzusetzen. Ich würde so gerne eine rauchen. „Spielen!“ ruft das Kind. Der Tag hat 246 Stunden. Wie machen das eigentlich richtige Eltern? Ist mir ein Rätsel.
19:00 Uhr
Die Schwester vom Patenkind kommt nachhause. Tränen der Rührung netzen meine heißen Wangen. Die beiden spielen im Kinderzimmer. Ich rauche drei Zigaretten und trinke noch eine Flasche Bier. Dann mach ich mir eine Flasche Rotwein auf. Ich sitze in der Küche und starre mit glasigen Augen auf den Boden. Da sind noch überall Nudeln.
20:00 Uhr
Irgendwie das Kind gefüttert und zu Bett gebracht. Ich erinnere mich nicht mehr. Die Liebste kommt nachhause. Fischstäbchen für alle!
20:15 – 22:15 Uhr
Die Liebste und die Schwester vom Patenkind und ich kucken Fernsehen: „Frag doch mal die Maus“, eine super Rätselsendung für Groß und Klein. Ich erfahre, dass Wilson Gonzales bei den Wilden Kerlen mitspielt und dass Nina Hagen total toll ist und super geschminkt. Die Schwester vom Patenkind verschwindet im Badezimmer. Als sie wieder rauskommt zieht dunkelroter Lippenstift schwer an den jugendzarten Lippen.
22:15 Uhr
Fernseher aus und sofort ins Bett. Bin ja lernfähig. Todesähnlicher Schlaf.

Sonntag

04:30 Uhr
Toll! Mal richtig ausgeschlafen. Kind brüllt. Erfülle den Plan.
10:00 Uhr
Irgendjemand hat Frühstück gemacht. Brötchen geholt. Den Kleinen gewindelt und angezogen. Ich lebe in einem Dämmerzustand. Sekundenschlaf. Ich falle in mein Mettbrötchen.
12:00 Uhr
Musik. Die Liebste, das Patenkind und die Schwester vom Patenkind hauen auf ein Klavier ein. Dazu singen sie. Jingle Bells. Fröhliche Weihnachten. The Entertainer. Für Elise. Das Klavier steht in meinem Kopf. Notiere: niemals ein Klavier kaufen. Wenigstens spielt niemand Blockflöte.
12:30 Uhr
Die Schwester vom Patenkind packt ihre Blockflöte aus und bläst kräftig hinein. Die Liebste „begleitet“ dazu auf dem Klavier. Mein Patenkind drischt mit einem Spielzeughammer auf ein Xylophon ein. Notiere: überhaupt keine Instrumente kaufen.
13:00 Uhr
Schichtende. Ich darf gehen. Danke! Die Schwester vom Patenkind fragt mich zum Abschied, ob mir dass Spaß gemacht hat, auf mein Patenkind aufzupassen. Ich lüge.
15:00 Uhr
KAFFEE.SATZ.LESEN. Menschen. Musik. Zigaretten. Der Autor Arne Nielsen hat seine Tochter mitgebracht. Er sieht müde aus. Ich schenke Arne Nielsen mein solidarischstes Lächeln.