Dem Herrn Paulsen sein Kiosk
Donnerstag, 6. Juli 2006
Wenn Eltern irren. Die Geschichte vom T-Shirt-Verkäufer Martin Jondo, der mal eben das Reggae-Album des Jahres abgeliefert hat.


Martin Jondos Eltern waren, gelinde gesagt, entsetzt. Statt dass der Bub was macht aus seinem Leben, er soll es doch mal besser haben, verlässt der damals 24 Jährige 2002 sein Elternhaus, bricht sein Studium ab und begleitet Gentleman auf der nicht enden wollenden „Journey to Jah“-Tour. Jondo verkauft dort T-Shirts. Das ist nicht so ganz der Lebensentwurf, den sich Eltern für ihr Kind wünschen, es wird laut im Hause Jondo am Nordrand von Berlin, dann ganz still. Was Martin Jondos Eltern nicht wissen: jeden Abend holt Gentleman seinen T-Shirt-Verkäufer auf die Bühne und der Sohn einer Koreanerin und eines Deutschen singt vor überrascht-begeistertem Publikum seine Eigenkomposition „Rainbow Warrior“. Gänsehäutig bemerken jede Nacht Tausende, dass da einer steht, dessen Stimme mehr als nur an Bob Marley erinnert, rough und zart und hungrig.

Als ich in der vorletzten Ausgabe der „Riddim“ diese Tellerwäschergeschichte las, machte ich mich gerührt auf die Suche nach diesem Martin Jondo und staunte. Es lohnt doch, auch mal das Kleingedruckte auf Schallplatten zu lesen, Jondo befand sich bereits in meiner Plattensammlung: Der Track „Wunderlampe“ auf „Songs of Melody“, dem grandiosen Album der Hamburger „Silly Walks“, ein Gastauftritt auf Culcha Candelas „Next Generation“ mit dem Track „Jeder Tag ist ein Comback“ sowie Beiträge zu zahlreichen Samplern. Und die Leserschaft der „Riddim“ war Anfang 2005 schon aufmerksamer als ich und kürte Jondo zum Newcomer des Jahres 2004.

Vor ein paar Tagen ist Jondos Debütalbum „Echo&Smoke“ erschienen.



Das Singen auf Deutsch hat Jondo dankenswerter Weise aufgegeben und unter den Reglern von Kraans de Lutin von Homeground Records entstand in Berlin nicht weniger als das beste Deutsche Roots-Reggae-Album dieses Jahres, es wird schwer, das noch zu toppen. Roots-Reggae, wohlgemerkt. Still und leise entfaltet sich dieses wunderbar ruhige Album, schwebend warme Songs, unaufgeregt, authentisch. Jondo ist mit Sicherheit das größte Reggae-Talent, das wir in Deutschland haben und bereits sein erstes Album ist meisterlich. Diese Stimme! Die viel beschriebene, stimmliche Nähe zu Bob Marley, gerät sicher nicht zum Nachteil. Wer alleine den Track „All I ever know“ einmal gehört hat, Jondo nur mit Wanderklampfe, der wird wahrscheinlich sofort süchtig. Gänsehaut auch bei der Combination „Clearly“ mit seinem alten Chef Gentleman, dessen T-Shirts jetzt andere verkaufen. Manchmal wird es stellenweise ein bisschen popig-weich, besonders die Singleauskopplung „Are you really waiting“ ist eigentlich der (einzige) klebrige Schwachpunkt eines ansonsten durchgängig großartigen Albums. Es reicht eben nicht, sich in Schönheit und Echtheit zu ergehen, man will ja auch was verkaufen, insofern möge die Single hilfreich sein, einen einzigartigen Reggae Artist zu etablieren. Liebe Familie Jondo, unbedingt mal reinhören in das Album ihres Sohnes, nicht auszudenken er hätte weiter studiert!

...................................ritsch.

Links zum Thema:

Martin Jondo
www.martinjondo.com

Kraans de Lutin
www.kraans.de

Gentleman
www.journeytojah.com

Riddim Magazin
www.riddim.de

Silly Walks
www.sillywalks.de

Culcha Candela
www.culchacandela.de

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"der eine-mein gringo"
ja, ja...was kann man da noch anfügen? mal wieder durch eine adäquate review auf ein tolles album aufmerksam geworden. hab es zwar erst zwei mal gehört kann mich aber der positiven kritik nur anschliessen. vorallem die tracks "jah gringo" und "the one" sind bis dato besonders eingängig und versüßen meinen studentensommer. einzig die steten vergleiche mit dem guten alten bob nerven. wann läßt man dem den endlich seine wohlverdiente ruhe. ich mein kein schwein vergleicht heute 50cent mit big daddy oder kool moe; shakira mit madonna oder tina turner; chemical brothers mit kraftwerk oder green day mit den pistols. r.i.p. to the gods, let´s welcome the heroes of our days. thorsten

... Link

Gut erkannt Herr Lemgruber!
Aber: viele Reggaeheads haben nach brachialen Dancehallgewittern, der schändlichen Unterwanderung durch klebrigen R´n´B sowie hektischen Reggaetone-Hüpfburg-Socca-Partys einfach wieder Sehnssucht nach dem puren, minimalen Stoff, da werden die Götter von Gestern zu Helden von Heute.
Freut mich sehr, das Ihnen die Platte gefällt!

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