| Dem Herrn Paulsen sein Kiosk |
|
Samstag, 1. Juli 2006
Plötzlich Gernhardt im Garten. Ein Abschied.
herr paulsen
09:58h
![]() Halbfinale, bald! Die Tippgemeinschaft grillt euphorisch auf Deutsche Art, alles sofort und gleichzeitig rauf auf den Grill, Steaks schwitzen über lauwarmen, schwarzen Kohlen, mittig lodern aber Flammen und verbrennen zarte Würstchenhäute. Es raucht, es stinkt und nach einer Stunde ist die Sache gegessen. Jetzt wieder Bier und Fußball. Es erhebt sich der Gastgeber, blickt streng ins zwanzigköpfige Rund und fragt: „Wer hat bei dieser WM die meisten Duelle gewonnen?“ Namen fliegen über Kartoffelsalatvariationen, „jaja, genau!“, noch mehr Fragen werden kennerisch von den versammelten Bundestrainern beantwortet und diskutiert, meister Ballkontakt, beste Torchancen, die Hitliste der zehn hellsten Lichtgestalten des internationalen Fußballs. Ich schweige, ich bin Letzter der Tippgemeinschaftsliste, diesen Umstand muss ich nicht auch noch verbal festigen. Ich nehme noch mal Krautsalat mit Ingwer, eine Sensation, die Überraschung des Abends im kleinen Garten, „ist von Tim Mälzer!“, erklärt die Gastgeberin das Unerwartete. Kabeltrommeln werden aus dem Haus geworfen, Geräte aufgebaut, alle Trainer sind auch Techniker, und schon bald schimmert matt ein Fernsehbild, lautlos auf der abendsonnigen Hauswand. Es gibt keinen Ton, die versammelten Fachleute reichen sich. Italien, Tor. Dann kurze Unterbrechung im Programm, plötzlich ruft die Liebste laut: “Paulsen!“ Ich folge ihrem ausgestreckten Arm zur Hauswand, da ist Robert Gernhardt zu sehen, ein angedeutetes Lächeln aus der Kulisse der Tagesthemen, unten steht: Robert Gernhardt ist tot. Kein Ton, auch im Garten ist es plötzlich still, alle sehen mich an, doch auch ich: sprachlos. „Wer ist denn Robert Gernhardt?“, fragt jemand, dann geht es glücklicherweise weiter im Programm und ich muss mich erstmal setzen. Robert Gernhardt ist für mich einer der größten Deutschen Lyriker, ach was schreib ich denn, er ist für mich der größte Deutsche Lyriker. Ein scharfer Geist, ein sensibler Denker, ein komischer Poet. Er betrachtete die Welt immer menschenfreundlich, mit großer Komik, nie polemisch, nie verletzend, immer kritisch. „Wir können Goethes, Schillers, Klopstocks Hinscheiden durchaus verschmerzen, solange nur Robert Gernhardt uns nicht genommen wird“, schrieb Hubert Spiegel mal in der FAZ. Jetzt war es soweit. Gernhardt starb im Alter von 68 Jahren nach langer, schwerer Krankheit am Freitagmorgen in Frankfurt am Main. Einmal nur habe ich Gernhardt erlebt, in irgendeiner Kirche in Hamburg, Jan Philip Reemtsma hielt einen Vortrag über das Gottesbild in der Gernhardtschen Dichtung und ich verstand kein Wort. Dann kam Gernhardt, zwei Stunden brillante Unterhaltung, rechts hinter mir saß Harry Rowohlt und lachte dröhnend immer am lautesten. Und so wurde an diesem Abend immer zweimal gelacht, einmal über Gernhardts komische Dichtung und dann, Sekunden später, noch einmal mit Harry Rowohlt. Im Garten wird Gottlob jetzt Schnaps ausgeschenkt, reihum wird „Dein schönstes WM-Erlebnis“ abgefragt, mich lässt man grübeln, man kennt mich, das ist schön, ein Freundschaftsbeweis. Überhaupt scheint mir die WM bestens geeignet, sich zurück zu ziehen, zu verschwinden hinter den Lautstarken, ganz leise, Zeit zum Denken. Nächstes Jahr sollen neue, letzte Erzählungen von Gernhardt erscheinen, Arbeitstitel: „Denken wir uns“. Spätestens dann wird er uns richtig fehlen. ... comment
herr paulsen, 2006.07.02, 09:19
... Link ... Comment
saintphalle, 2006.07.02, 09:43
Ach, nun wollte ich Sie grade auf den wunderbaren taz-Nachruf aufmerksam machen, aber Sie haben ihn schon selbst entdeckt. Danke auch für Ihren ebenfalls wunderbaren Text. Großartige Worte für einen großartigen Dichter.
... Link ... Comment
kerstin13, 2006.07.02, 23:13
:(
... Link ... Comment
cosmomente, 2006.07.03, 11:33
Mir fehlte er in dem Moment, in dem ich von seinem Tod erfahren habe...und jetzt, nachdem ich Ihren sensiblen und berührenden Nachruf gelesen habe, fehlt er mir.
Traurig, die Gedanken sind für eine kleine Zeit ganz still.. ... Link ... Comment
500beine, 2006.07.04, 18:59
ohne in deine interne rangliste eingreifen zu wollen, aber als besten deutschen dichter empfinde ich thomas kling (erprobung herzstärkender mittel).
und der ist letztes jahr gestorben, mit ende vierzig. ... Link ... Comment
|
Online for 2520 days
Last update: 2009.07.02, 00:28 status
Youre not logged in ... Login
recent updates
Wegen des Klimas natürlich!
by herr paulsen (2009.07.02, 00:28)
Buju Banton, hm?!
Oder
doch wegen Samy da, Herr Paulsen? :)
Was auch immer:...
by mcwinkel (2009.07.01, 21:59)
Ich bin dann mal weg…
SUMMERJAM 2009
by herr paulsen (2009.06.30, 13:11)
Klingendes Video zum Wochenende (57):
WhoMadeWho "Keep me in my plane" Das Disco auch mit...
by herr paulsen (2009.06.26, 11:39)
Sebastian Sturm Interview und Konzertmitschnitt
via bunch.tv
Foto: bunch.tv
Er gehört zu den ganz Großen...
by herr paulsen (2009.06.23, 12:03)
Terry Lynn beim Campus Open
Air in Hamburg (plus "it was written"-EP als Gratisdownload)
Die...
by herr paulsen (2009.06.20, 09:24)
Wau! Ich hab mich gestern
sehr gefreut über die vielen bekannten (und neuen) Gesichter....
by herr paulsen (2009.06.19, 07:57)
Das Kiosk Sommeralbum 2009: Aggrolites
IV Genau wie das Warten auf den Sommer selbst hat...
by herr paulsen (2009.06.17, 09:23)
Faldbakken, Frau Kristensen und ich
- Lesung auf der literatur altonale Lang habe ich mich...
by herr paulsen (2009.06.15, 12:35)
Essen, Wohnen, Fernsehen? - coté
obscure no.3
Nach nur zehn Jahren ist in diesen Tagen...
by herr paulsen (2009.06.14, 10:10)
Gern gelesen:
Ami
Gern gehört:
Audioporncentral
Gern dabei:
NutriCulinary
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||