Dem Herrn Paulsen sein Kiosk
Montag, 10. Oktober 2005
Jochen.

Ich komme aus dem Haus und grüße den Polizisten der vor meinem Wagen steht. „Ist das ihr Auto?“. „Ja“, sage ich und überlege angestrengt, was ich wohl nun schon wieder angestellt habe. „Was habe ich denn angestellt?“, frage ich den Wachtmeister. „Nix, da ist ihnen bloß jemand hinten rein gefahren, sehen sie mal:“

„Und jetzt?“, frage ich. „Wir haben den Täter!“, sagt Herr Pom. Er sagt tatsächlich: wir haben den Täter. Nur Übeltäter wäre noch schöner gewesen. Ich darf im Streifenwagen 8 Meter bis zum Ende der Einbahnstrasse fahren in der ich jetzt wohne. Ob er denn mal das Martinshorn für mich einschalten könne, frage ich den Polizisten. Nein, war nur Spaß.
An der Straßenecke steht der Täter, bewacht von Frau Pom. Ein zitterndes, dünnes Würstchen, neben einem großen Bus aus dem fröhlich grinsend sechs Behinderte winken. Ich gebe dem Täter die Hand, bereue sofort, die Patschehändchen meines Gegenübers schwitzen stark. Der ganze Bub bebt. „Zivi?“, frage ich. „Ja.“ ,spricht das Elend und das ihm das sehr leid täte und das Frau Pom ihn auch noch anzeigen will, wegen Verkehrsdelikt und überhaupt.

Was der junge Mann nicht weiß, ich bin ihm überhaupt nicht böse. Zivis sind für mich Helden des Alltags, feine Menschen sind das, Soldaten können auch feine Menschen sein, aber Zivis ganz sicher. Ich war auch mal einer von ihnen. Ich habe damals auch Unfälle gebaut, nicht einfach Stoßstangen angefahren, sondern richtig Menschen in Todesgefahr gebracht.

Damals war ich jung und ungestüm, mein Fahrstil halsbrecherisch und ich entdeckte, dass meine „Behindies“, wie wir sie nannten, ganz besonders die schwungvolle Fahrt in Steilkurven liebten. Ich liebte meine Behindies und tat ihnen gerne den Gefallen. Ein großes Jauchzen und Johlen hub an, jedes Mal wenn ich den Mercedesbus mit Karamba in die Kurven hängte. Meine Fahrgäste spürten wenig im Leben, am wenigsten sich selbst und ihre steifen Körper, die Fliehkräfte aber berührten sie im Innersten.
Meine Aufgabe war es damals, die Behinderten in den Dörfern der schwäbischen Provinz einzusammeln und zum Spielsteine eintüten in die große Kreisstadt zu fahren. Zwischen dem Spielsteine eintüten wurden flächendeckend Lebensmittel in die Werkstatt gespuckt (Danone-Joghurt, Nutella-Toasts und Cola), zwischendurch mussten alle täglich siebzehn Mal auf Klo. Da kam selten was, aber man war weg von den Spielsteinen. Auf eine Zivi kamen zwölf Behinderte, ich habe eineinhalb Jahre meines Lebens auf einer behindertengerechten Toilette verbracht.

Und auf der Heimfahrt dann der Fliehkraft-Scooter! Einmal nahm ich einen fest angestellten, dürren Pädagogen mit, der immer ein Körbchen mit Strickzeug dabei hatte. Richard ahnte nichts von Fliehkraftscooter und machte zwei Fehler. Er schnallte sich nicht an und seine dürren Ärmchen hatten die Beifahrertür nicht fest genug geschlossen. Schon nach der ersten Kurve verschwand Richard. Wie in Matrix beobachtete ich noch eine Weile, das vor der offenen Autotür wirbelnde Körbchen mit Strickzeug und eine einzelne, rotierende Birkenstocksandale. Dann war Ruhe. Gott schützt ja dankenwerterweise Besoffene und dürre Pädagogen. Richard fehlte nichts.

Nur so ist es zu erklären, das ich nicht abließ von meinen Fliehkraft-Tests. Das letzte Mal überwand ich sie in der engen Kurve kurz vor dem Ortseingang eines kleinen Dörfchens. „Jetzt aber!“, rief ich, die Behinderten johlten vorfreudig, ich riss das Lenkrad nach links und beobachtete die begeisterten Reaktionen im Rückspiegel. Im Rückspiegel sah ich auch Jochen. Jochen fuhr früher gern Motorrad. Jochen konnte keine Spielsteine eintüten, Essen war für ihn eine schmerzhafte Qual und die Toilette suchte ich mit Jochen nach Verdacht auf, er konnte mir nicht sagen ob er musste, Jochen konnte nicht sprechen. Jochen konnte nicht mal den kleinen Finger bewegen. Jochen war einfach ein Körper, bewegungslos, sprachlos, mit einem Herzschlag und irgendwo in diesem Körper war Jochen, er konnte sich aber nicht zeigen.

Dieses Geräusch, wenn ein morscher Sicherheitsgurt reißt, das wäre mal was für diese Radio-Geräusche-raten-Gewinnspiele, da käme niemand drauf! Ich höre das Geräusch heute noch. Im Rückspiegel kippte Jochen mit samt seinem Rollstuhl zur Seite, fiel wie ein Stein. Ich stoppte den Wagen, rannte nach hinten und versuchte ihn wieder aufzurichten. Die anderen Fahrgäste klatschten begeistert Beifall. Jochen und Rollstuhl wogen zusammen mehr als ich mit meinen dünnen Armen zu bewegen vermochte. Ich fragte Jochen ob und wo es denn weh täte, suchte nach Blut. Jochen starrte auf die genoppten Fußmatten und schwieg, bewegte sich nicht, wie immer. Eigentlich.

Ich rannte zum nächsten Bauernhof, zitternde gab ich dem Bauern meine schwitzige Hand und bat in dürren Worten um Hilfe. Der Bauer hatte viel erlebt an „seiner“ Kurve und rief: „ich hol den Traktor!“. Ich erklärte genauer und dann hoben wir Jochen gemeinsam zurück ins Leben. Still und starr blickte Jochen aus dem Fenster und konnte mir nicht sagen, ob ich ihn endgültig kaputt gemacht hatte.

Dieser Moment meines Lebens, da auf dieser Wiese vor dem Dorf, gehört für mich zu den schlimmsten meines Lebens.

Jochen wurde untersucht. Ihm fehlte nichts. Gott hatte wohl einen Arm für Jochen frei gehabt. Wenigstens dieses Mal.

Die Erinnerung fährt wie eine heiße Welle durch Kopf und Körper, ich beruhige den zitternden Kollegen, sage ihm, dass sein Arbeitgeber versichert ist und frage Frau Pom, ob das denn sein müsse, mit der Anzeige. Das Wunder geschieht, sie wandelt die Anzeige in eine mündliche Verwarnung.
Das Polizeiauto biegt langsam in die Hauptstrasse ein, dahinter lenkt der Zivi den viel zu großen Bus vorsichtig durch die Kurve. Hinter den Fenstern winken mir die Behinderten begeistert zu.