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Montag, 3. März 2008
Die Schrifststellerin und der Literaturhauschef: Das große Jammern über die Hamburger Literatur

Soviel Lust am Draufhauen, macht schon staunend. Die Münchner Autorin Harriet Köhler hat sich in DIE ZEIT (09/2008) mal die Hamburger Kultur im allgemeinen zur Brust genommen und bescheinigt kulturelle Genussfeindlichkeit. Hamburg schätze seine Künstler nicht, schere sich nicht um Traditionen, die Subkultur verdorrt, Kultur in Hamburg sei „Kinder-und Seniorenprogramm“, so die schlaglichternden Titel der Klageschrift-Absätze. Kunst, Theater, Literatur, Musik und Denkmalschutz, Frau Köhler weiß was schief läuft in Hamburg.

Ich kann nur für die Literatur sprechen und da wird es gleich zu Anfang so richtig ärgerlich. Auftritt von Literaturhaus-Chef Rainer Moritz, der erstmal den Hamburger Förderpreis madig macht "Man brütet da und schüttelt immer wieder dieselben durch." und dem dann folgerichtig beinahe kein junger Hamburger Autor einfallen mag:

„Denn junge Hamburger Autoren gibt es kaum, Stefan Beuse fällt ihm ein, Gerhard Henschel, nein, der ist mit seiner Familie aufs Land gezogen, und Siegfried Lenz, Peter Rühmkorf, Wolf Biermann, die großen Alten kriegt man nicht mehr viel zu Gesicht.“

Köhlers polemische Rundumschlag zeigt durchaus Missstände auf und ist dennoch und gerade für die Literaturszene der Stadt einseitig geschrieben und unzureichend recherchiert. Für die Hamburger Literatur wurde einzig Herr Moritz befragt. Die zahlreichen, stets ausverkauften Veranstaltungen der lebendigen und zum Teil kulturgeförderten „Off“-Literaturszene sind Frau Köhler entgangen. Aber was ist zu erwarten, wenn Köhler, 1977 geboren, beim Stichwort Subkultur einzig und immer noch nur der „Golden Pudel Club“ einfällt. So was macht fassungslos. Ebenso Köhlers Zusammenfassung der Hamburger Verlagswelt, da hilft wieder Herr Moritz:

„Zudem fehlten der Stadt die Verlage, Rotbuch wurde nach Berlin verlegt, Mare befindet sich nach dem Weggang des Verlegers in Schieflage, Rowohlt nun mal nur in der Nähe der Stadt. Und Hoffmann und Campe allein kann auch kein literarisches Leben aus dem Brackland ziehen.“

Weder der Schriftstellerin aus München noch dem Literaturhausleiter aus Hamburg ist während des Wehklagens aufgefallen, dass es da zum Beispiel den preisgekrönte Hamburger mairisch Verlag gibt, der sich sehr erfolgreich für jene Autoren stark macht, die Herrn Moritz weiter oben schon nicht einfallen wollten. Die unglaublich erfolgreiche „Edition Nautillus“ ( hier veröffentlicht zum Beispiel Andrea Maria Schenkel) wird nicht erwähnt, ebenso wenig wird dem Carlsen Verlag gedacht.

Die Hamburger Lesetage, das Seiteneinsteiger-Lesefest, die Literatur-Altonale, der Writers´room, die boomende Poetry Slam Szene, die Lesebühnen, die Weblesungen, nichts davon findet Eingang in Frau Köhlers Schwarzmalerei. Das ist nicht nur Ignorant. Durch die Nichtnennung erfolgreicher literarischer Formate und Verlage entsteht schlicht ein falsches Bild des Hamburger Literaturbetriebes. Frau Köhler lebt in München, Herr Moritz, so scheint es, in seiner eigenen Welt.

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